Selfies gelten als die Unsitte des Social-Media-Zeitalters. Doch Selbstdarstellung war schon immer ein menschliches Bedürfnis. Im Amsterdam des 17. Jahrhunderts dienten dazu weniger Bilder, als Gedichte und Sammlungen.
Smartphones prahlen mit ihrer Kamerafunktion, das vordere Objektiv verstecken sie jedoch gerne. Die Eitelkeitslinse dient schliesslich nur dem einen Zweck: Das Gesicht des Handyhalters wie ein Spiegel einzufangen. Das Selbstbild wird im Zeitalter der sozialen Medien zur harten Währung. Man mag dies kritisieren, neu ist diese Idee hingegen nicht.
Etwas Schmeichelhaftes über sich zu vermitteln, war wohl schon immer ein menschliches Bedürfnis. Auch im Amsterdam des 17. Jahrhunderts wollten aufstrebenden Bürger ein möglichst gutes Bild von sich. Wer sehr viel Geld hatte, liess sich von einem der flämischen Malerwerkstätten porträtieren. Die jüngeren, gebildeten Männer schrieben Gedichte. Diese dienten vor allem praktischen Zwecken, wie Geert Mak in seinem Buch «Die vielen Leben des Jan Six» über das Stadtleben im Goldenen Zeitalter der Niederlande schreibt.
Die selbstverfassten Lieder oder Gedichte, so Mak, sollten Glanz auf den Autor oder den Empfänger werfen, sie sollten Freundschaften erhalten. Für die Amsterdamer Jugend dieser Zeit waren Gedichte also eine Art Selfies. Das Medium und die transportierten Werte waren etwas anders gelagert als bei ihrem heutigen Pendant. Statt Bilder war es ausschliesslich Schrift. Statt Schönheit und wirtschaftlicher Erfolg sollten die Gedichte eher Kennerschaft, Kultiviertheit und Belesenheit ausweisen. Die Absicht war womöglich ähnlich.
Ein zweites gesellschaftliches Vergnügen von damals war das Vorzeigen von Sammlungen. In jedem grossen Grachtenhaus gab es einen Schrank mit sogenannten Raritäten. Gesammelt wurden seltene und irrsinnig teure Dinge, die angeblich neues Wissen über Gottes Wissen ermöglichen sollte. Auch Rembrandt gehörte zu den Sammelwütigen. In seiner Kunstkammer fand man Skulpturen von römischen Kaisern, ausgestopften Tieren, Korallenstücke, venezianische Gläser.
Tatsächlich ging es bei der Sammelwut vor allem um Prestige, schreibt Mak. Wir können hier nochmals die Analogie zur heutigen Zeit strapazieren. Denn was sind Facebook-Profile, Blogs, Wikipedia-Einträge, Instagram-Accounts anderes als Sammlungen, wo Inhalte ihre Besitzerin oder ihren Besitzer in günstigstem Licht erscheinen lassen sollen.
Bibliografie:
Geert Mak: Die vielen Leben des Jan Six. Geschichte einer Amsterdamer Dynastie. 2016, Siedler Verlag, München.