Ein Dokument oder ein Roman?

Wie werden Tatsachen zu einem Roman? Drei französische Autoren arbeiten im Grenzbereich zwischen Dokumentieren und Erzählen.

Drei reale Ereignisse, die in einzelnen Teilen auch schlicht dokumentiert hätten werden können, sind Bestandteil eines Romans.  Dies wirft die Frage auf, wo die Tatsache endet und das grosse Geschichtenerzählen anfängt und was dieses zu leisten vermag.

 

Unbekanntes mit Leben füllen

Olivier Guez zeichnet im Roman «Das Verschwinden des Josef Mengele» das Leben des untergetauchten KZ-Arztes in Lateinamerika nach. Dieses Leben hat immer wieder zu Spekulationen Anlass gegeben. Guez nimmt die Spekulationen auf und geht diesen nach. Dabei gleitet scharf entlang der Linie der recherchierten Ereignisse und der Freiheiten eines Romanautors. Der Autor erklärt explizit, wo letztere anfängt: dort wo dunkle Stellen trotz seiner ausgiebigen Recherchen nicht oder nicht mehr zugänglich sind.

Die Einblicke in Mengeles Alltag sind nicht reproduzierbar, denn die meisten Zeugen, unter anderem die Tagebücher, bleiben verborgen. Vieles also in seinem trostlosen Leben kann nur noch in der Fiktion aufflammen. Gerade hier kann der Romanautor etwas hervorbringen, was Dokumente nicht vermögen: Die gehetzte Seele des Nazi-Schergens kann uns alleine Guez näherbringen. Dies ist womöglich eine Illusion. Aber sie hat in unserem Verständnis der Vergangenheit eine Funktion. Dass sich hier Olivier Guez fast genüsslich austobt, ist letztlich eine Art poetische Gerechtigkeit, wie sie nur die Fiktion leisten kann.

 

Bekanntes in neuem Licht

Eric Vuillards «Die Tagesordnung» geht noch einen Schritt weiter. Er beginnt mit der Sitzung zwischen Göhring den Wirtschaftsgrössen Deutschlands und endet mit der Annextion Österreichts. Vuillard bedient sich also bekannter Ereignisse, um sie jedoch mit fiktionalen Mitteln völlig neu zu inszenieren. Er schlüpft in die Figuren, um ihre oft erbärmliche Gemütsverfassung zu denunzieren. Dabei verwendet er unter anderem Technik des filmischen Close-Up, um unschöne Details hervorzuheben, wie beispielsweise die Schweisstropfen auf der Stirn.

So werden die Begegnungen zwischen historischen Figuren, beispielsweise dem österreichischen Bundeskanzler Schuschnigg und Hitler in seinem Landsitz Berghof, zu einer Grotesken, die das historische Ereignis auf zwischenmenschliche Debakel und persönliche Charakterschwächen herunterbricht, ein Stilmittel übrigens, dem sich auch die Reportage gerne bedient. Fiktion kann dies jedoch beliebig und bis in die absurdesten Details durchspielen, um eine neue Sichtweise auf bekannte Ereignisse oder Tatsachen zu erzeugen.

 

Folie für das Ich

Ein dritter Weg beschreitet Emmanuel Carrère. Er gilt als Begründer des subjektiven Tatsachenromans. Carrère ist wie auch Guez journalistisch tätig, widmet sich indes hauptsächlich Romanen, in denen er mehr oder weniger bekannten Figuren und Ereignissen sowie sich selbst nachgeht. Ein Beispiel ist die Bewältigung der selbst erlebten Tsunami-Katastrophe von 2004 in «Alles ist wahr».

Die Ereignisse sind bei Carrère immer an seine Person gebunden, was sie notwendigerweise subjektiv und perspektivisch verengt erscheinen lassen. Dadurch macht Carrère genau den Prozess zum Gegenstand, der in jeder Auseinandersetzung mit einer Geschichte entsteht, und stellt die Fragen: Wie habe ich zur Geschichte gefunden (oder wie hat die Geschichte zu mir gefunden), welche Rolle spiele ich darin, was macht die Geschichte aus mir, welchen Anteil der Geschichte trage ich in mir und so weiter. Eine Geschichte ist also nicht einfach da, sie tritt in Beziehung zum Autor, zur Autorin, wird durch ihn oder sie geformt und verändert ihn oder sie schliesslich.

Das fiktionale Auffüllen von Undokumentiertem, der Zoom auf Details sowie die persönliche Aufarbeitung einer Geschichte sind drei Herangehensweisen, wie der Roman über das Dokumentieren hinaus einen Stoff verarbeiten kann.

Nachtrag 6. Februar 2019: Hat das «Ich» auch in klassischen Reportagen seinen Platz? Unbedingt, meint Frederik Seeler in seinem Kommentar für Übermedien.

Olivier Guez: Das Verschwinden des Josef Mengele, Aufbau-Verlag, Berlin, 2018

Eric Vuillard: Die Tagesordnung, Matthes und Seitz, Berlin, 2018

Emmanuel Carrère: Alles ist wahr, Matthes und Seitz, Berlin, 2009

Bild: Fahrul Azmi

 

 

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