Nicht alles spricht für mehr Empathie

Storytelling fördert Empathie. Und Empathie fördert moralisch richtiges Handeln. Doch tut sie dies tatsächlich?

Als ich vor einem Jahr mit Hanya Yanaghiaras Bestseller Ein wenig Leben begann, stellte ich mir bald einmal die Frage: Wird sich die Empathie der Leser*innen nicht irgendwann erschöpfen? Erstens entlässt uns der Roman mit seinen fast 1000 Seiten nicht so rasch. Zweitens verstrickt uns die Hauptfigur Jude je länger desto tiefer in die Abgründe seines Schicksals.

Trotzdem schafft es der Roman immer wieder, und in meinem Fall erfolgreich, an meine Empathiebereitschaft zu appellieren. Während eine Freundin irgendwann mit Unverständnis und gar Abneigung auf die Hauptfigur reagierte und mit der Lektüre aufhörte, fragte ich mich, was mich am Leid einer erzählten Figur fesselte.

 

Hilfeleistung verweigern

Empathie hat in den Diskussionen der letzten Jahre an Relevanz gewonnen, besonders in ihrer positiven Bewertung. Wer empathisch ist, also mit anderen Menschen mitfühlt, überwindet die Grenzen des Ichs. Und erst wer sich in die Position des anderen hineindenken kann, wird gegebenenfalls fürsorglich handeln. Die richtig erzählte Geschichte soll dann zum moralisch richtigen Handeln anregen, zum Beispiel zur humanitären Hilfe. Doch Empathie hat nicht nur diese noble Seite, wie der Kulturwissenschaftler Fritz Breithaupt in seinem Buch Die dunklen Seiten der Empathie darlegt. Ich möchte diesbezüglich ein paar kurze Gedanken aufführen.

Empathie findet nicht spontan statt, quasi als Reflex auf eine beobachtete Situation. Wir sind zwar prinzipiell empathische Wesen, doch Empathie, so Breithaupt, unterliegt einer Architektur. Wir lernen, mit Empathie umzugehen, sie zuzulassen oder eben nicht, und so können wir sie auch bei einer Erzählung zurückhalten, wie meine oben erwähnten Freundin. Sie wollte irgendwann nicht mehr erleben, wie sich die Hauptfigur mit ihrem Verhalten immer weiter schädigt.

«Selbst schuld», lautete ihre Reaktion. Wenn wir annehmen, dass jemand seine Situation selbst verschuldet hat oder wenn uns die Situation ausweglos erscheint, nimmt unsere Empathiebereitschaft automatisch ab. Dies sind Ausstiegsmechanismen, die uns vor einem Selbstverlust schützen. Aber sie entziehen einem Opfer auch die Hilfeleistung.

 

Rasch Partei ergreifen

Umgekehrt können richtig orchestrierte Geschichten unsere Bereitschaft zur Empathie fördern. Dramatische Erlebnisse voller Handlungen und Momente der Entscheidung, die Überzeichnung von Gut und Böse, ein sympathisches und unschuldiges Opfer, emotional intensive Momente ästhetisieren eine Situation und sind besonders empathierelevant. Sie laden uns ein, mit jemandem mitzufühlen. Gerade in Konfliktsituationen führt Empathie jedoch dazu, dass Urteile vorschnell gefestigt werden.

In der Diskussion mit meiner Freundin verteidigte ich das Verhalten der Hauptfigur im Yanaghiaras Roman auch dann, wenn sie meine Parteinahme unter den dargelegten Gesichtspunkten vielleicht gar nicht verdient hätte. Empathie macht zu einem gewissen Grad blind. Jedenfalls ist eine moralisch richtige Entscheidung durch das Mitfühlen nicht garantiert.

 

Empathie wird zum Selbstzweck

Kommen wir zureingangs gestellten Frage: Weshalb habe ich angesichts des Leidens derHauptfigur mein Miterleben über alle Schicksalsschläge hinweg aufrechterhalten?Vielleicht auch, weil ich es genossen habe. Empathie, schreibt Breithaupt, ist zuallerersteinmal ein Gewinn für die Beobachtenden. Sie erweitert deren Erlebnisfähigkeit.Das Einfühlen hat also immer einen Selbstzweck. Es hilft mir zum Beispiel, michauf zukünftige Situationen vorzubereiten, indem ich mich frage, wie ich andieser Stelle gehandelt hätte. Empathie der Empathie willen ist eine mögliche Erklärungfür die Anteilnahme am Schicksal anderer.

Zu einem gewissen Grad muss ich – um Empathie für ein Opfer empfinden zu können – dessen Unglück wollen. Das unglückliche Opfer ermöglicht mir zusätzlich die Identifikation mit einer Helferfigur. Jede raffinierte Geschichte baut eine oder mehrere solche Heldenfiguren ein, so auch der Roman von Hanya Yanaghiara. Wenn der Held oder die Heldin abwesend ist, kann ich mich an dessen oder deren Stelle imaginieren. «Hilft denn niemand diesem Jude?», sagte meine helfende innere Stimme bei der Lektüre.

 

Falsches Mitgefühl und Selbstüberhöhung

Die Situation des Helfens fusst jedoch nur auf einer vordergründigen Empathie, so Breithaupt. Bei der Identifikation mit der Helferfigur geht es nicht um das Erleben, sondern um das eigene Empfinden in der Situation. In diesem Falle ist das Wohlergehen des Opfers weniger wichtig als dasjenige des Einfühlenden. Wenn sich die Situation ändert und das Opfer seine Funktion nicht mehr erfüllt, kann das vermeintliche Mitgefühl rasch ins Gegenteil kippen.

Empathie muss also nicht moralisch richtiges Handeln erzeugen. Wir können jemandem die Empathie verweigern. Wir können auch einseitig übermässig empathisch werden und so für andere Positionen blind werden. Empathie kann eine narzisstische Funktion haben uns unser Erleben steigern. Und schliesslich können wir sie einsetzen, um uns zu erhöhen, indem wir uns in die Rolle des Helfenden imaginieren.

Fritz Breithaupt: Die dunklen Seiten der Empathie, Suhrkamp, Frankfurt a. M., 2017.
Hanya Yanaghiara: Ein wenig Leben, Hanser, Hamburg, 2017.

Foto: Tom Pumford / Unsplash

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