Die Heldenreise ist ein beliebtes Erzählmuster in der heutigen Kommunikation. Sie befeuert das Ideal der Autonomie. Ist aber unsere Existenz tatsächlich heldenhaft?
Wer Storytelling ausübt, kommt an der Heldenreise nicht vorbei. Für viele sind Heldenreise und Storytelling gar Synonyme. Wie man die Geschichte eines Helden erzählt, muss an dieser Stelle nicht genauer erklärt werden. Wir alle kennen sie, aus Filmen, Romanen, Mythen, Märchen und klassischen Erzählungen, Reportagen.
Diese Tatsache verführt zunächst zur Annahme, bei der Heldenreise handle es sich um ein archetypisches Muster, um etwas, das da sei, weil es zum Menschsein seit jeher gehört. An anderer Stelle habe ich erörtert, weshalb sich das Storytelling ähnlich natürlich und stimmig – zu uns gehörig – anfühlt und dennoch oder gerade deshalb ein Ausdruck unserer Zeit ist. Also nicht Ausdruck des immer Dagewesenen ist, sondern zur Art und Weise passt, wie wir uns heute als Menschen in einer Gesellschaft denken. Ich möchte diesen Gedanken nun auch für die beliebte Heldenreise entwickeln.
Einst «bigger than life»
Zunächst einmal lassen sich die Helden tatsächlich in unzähligen Erzählungen dingfest machen: Noah, Jesus, Wilhelm Tell, Chesley Sullenberger, Jeanne d’Arc sind nur wenige unter ihnen. Aber es handelt sich hier um echte Heldinnen und Helden, wie Maximilian Probst in seinem Essay «Das kannst du auch!» anmerkt.
Helden sind aussergewöhnliche Figuren, die in einem höheren Auftrag handeln und sich durch aussergewöhnliche Taten für andere Menschen aufopfern. Sie sind schon in ihrer Anlage «bigger than life», ein Vorbild, das es vielleicht zu erstreben gilt, das aber nie in die Niederungen des Gewöhnlichen abtaucht. Das starre erzählerische Gerüst der Heldenreise verleiht ihr etwas Rituelles.
So wie wir die Heldenreise heute aber anwenden, profanisieren wir sie. Das heisst, wir entledigen sie ihrer ursprünglichen Kraft. Gleichzeitig überhöhen wir uns sowie unsere alltägliche Existenz. Maximilian Probst spricht von einem Heroismus, der ohne Heldentum auskommt. Dieser Pop-Heroismus erreicht jede Ausprägung unseres Daseins: Unternehmer, die zunächst mit ihrer grandiosen Idee scheitern, um sie Jahre später erfolgreich umzusetzen. Schriftstellerinnen, die lange niemand wahrgenommen hat und dank mutiger Verleger zur Bestsellerautorinnen werden. Ein mittelloser Bauer, der nach einer nicht ganz freiwilligen Umschulung seinen Kindheitstraum erfüllt und Kapitän für reiche Jachtbesitzer wird. Messies, die durch ihre neu entdeckte Liebe zu Bach endlich gerne aufräumen staubsaugen. Alles wird in eine Heldenreise verpackt. Weshalb?
Wertschöpfende Subjekte
Die Heldenreise ist deshalb so attraktiv, weil sie uns in unserem Bestreben nach Autonomie unterstützt. Ich möchte diesen Gedanken anhand von Alain Ehrenbergs Buch «Die Mechanik der Leidenschaften» im Folgenden etwas ausschaffen, um am Schluss ein paar kritische Fragen an die Heldenreise heranzutragen.
Der Soziologe Ehrenberg fragt, welches Menschenbild der Neurowissenschaft, der neuen Leitwissenschaft, zugrunde liegt respektive weshalb das menschliche Gehirn heute weitgehend mit dem, was uns ausmacht, gleichgesetzt wird. Für unsere Zwecke ist diese Fragestellung etwas weit hergeholt, seine Überlegungen helfen uns aber weiter.
Kurz zusammengefasst könnte man sagen: Wir verstehen uns seit Beginn des 20. Jahrhunderts immer stärker als wertschöpfende Subjekte, die durch ihr Verhalten den eigenen Wert und denjenigen der Gesellschaft erhöhen. Daraus folgt ein von den Ideen und Werten der Autonomie geprägter Individualismus der Befähigung. Der Einzelne wird zum Agenten seiner eigenen Veränderungen.
Vom Defizit zum Trumpf
Das wandelnde Verständnis von Autismus ist für Ehrenberg das prägende Beispiel. Der Autist, die Autistin wie auch andere psychiatrisch oder neurologisch Erkrankte unterliegen zunehmend dem Leitmotiv des schöpferischen Potenzials der Krankheit. Was ursprünglich durch das Defizit, die Ausfälle, Störungen, das Leiden definiert wurde, wird in einen persönlichen Trumpf verwandelt. Dieser Trumpf impliziert eine Kompetenz, die einen Eintritt ins Spiel der gesellschaftlichen Kräfte ermöglicht. Der Autist oder die Autistin wird zu einer Person, die trotz oder gar wegen ihrer Krankheit über besondere Ressourcen und Fähigkeiten verfügt, die wiederum einen gesellschaftlichen Nutzen bringen.
Die Verwandlung von Zwang des Defizits, unter dem man leidet, in einen selbst gewählten und von anderen anerkannten Lebensstil durchzieht nicht nur das Verständnis von Krankheiten. Sie ist das Grundmuster jeder modernen Emanzipationsbewegung. Ehrenberg spricht von der Sozialisierung des Leids. Das heroische Subjekt wird mittels der klassischer Heldentugenden des Mutes, der Beharrlichkeit, der Kühnheit mit den neuen Idealen der Kreativität, der Innovation, der Diversität zum Urheber seiner eigenen Gesundheit – oder im erweiterten Sinne seines eigenen Glücks.
Therapeutische Versprechen
Unsere Heldenreise ist also keine blosse Erzählung basierend auf einer anthropologischen Konstante. Sie ist eine Handlungsanweisung für das defizitäre Subjekt: Nimm dein Leben in die Hand, sei mutig, kreativ, lass dich nicht einschränken, lerne mit deinen Schwächen umzugehen, mach etwas Einzigartiges daraus, mach dich selbst zu einem einzigartigen Wesen, das die Gesellschaft bereichert. Dass die Heldenreise gar als ein Instrument der Persönlichkeitsentwicklung verstanden, also als therapeutisches Mittel, zeigen zahlreiche Coaching-Angebote.
Am Schluss möchte ich fragen, welche Konsequenzen die breite Verwendung der Heldenreise auf unser Selbstverständnis hat. Folgende Punkte scheinen mir wichtig. Die Befähigung, die jede Heldenreise beinhaltet, ist ein wertvolles Element der Emanzipation. Sie kann helfen, aus der individuellen oder kollektiven Misere hinauszutreten und eine gesellschaftliche Anerkennung zu erreichen.
Die Schattenseite ist die Überbewertung der individuellen Handlungsfähigkeit. Die Vorstellung, das heroische Subjekt könne sein Leid durch sein Verhalten ganz alleine beseitigen und aus seiner Lage immer das Beste machen, mündet in der Überforderung und schafft Versagensängste.
Aufforderung zur Anpassung
Die Aufforderung, persönliche Grenzen zu überwinden, aus sich heraus zu wachsen, zu einem für die Gesellschaft wertvollen Subjekt zu werden ist zweitens immer auch eine Anpassungsleistung. Wie ich bereits dargelegt habe, ist die kreative Persönlichkeit, das Künstlersubjekt, keine gesellschaftliche Ausnahme mehr, sondern eine gesellschaftliche Aufforderung. Sich zu einer besonderen Persönlichkeit zu entwickeln ist ein wichtiges Element in der Gesellschaft der Singularitäten.
Die Heldenreise keine reine Erzählung. Sie ist vor allem eine Handlungsanweisung dafür geworden, wie man ein Leiden in den Vorteil verwandelt, mit dem man gesellschaftlich anschlussfähig bleibt.
Alain Ehrenberg: Die Mechanik der Leidenschaften, Suhrkamp, Berlin, 2019.
Wer das Buch nicht lesen möchte (das zugegebenermassen etwas ausschweifend und redundant ist), kann Ehrenberg auch auf youtube zuhören.
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