Dragqueens für die Schule

Würden Sie einen Beitrag über finanzielle Probleme im amerikanischen Bildungssystem lesen? Nein? Gutes Storytelling könnte Sie umstimmen.

Der deutsche Wirtschaftsjournalist und Kolumnist Christoph Drösser wohnt in San Francisco. Dort geht sein Sohn in die dritte Klasse der öffentlichen Grundschule. Was sein Sohn nicht weiss: Der 61-jährige Vater lässt sich zusammen mit einem anderen Vater der Schulklasse als Dragqueens mit Dollarscheinen bewerfen. Unter dem Namen «Rainbow Sisters» treten die beiden in einem Travestie-Klub im Quartier auf, in Stilettos, Spitzenhandschuhen und Netzstrümpfen.

Weshalb? Weil sie Geld für die Schule sammeln. Drösser beschreibt in einem Bericht für Die Zeit, wie Eltern im amerikanischen Schulsystem jedes Jahr vor einem Sammelmarathon für ihre Kinder stehen. Denn viele öffentlichen Schulen können ohne das Geldsammeln nicht bestehen. Diese Einnahmen gehen an eine Lehrkraft für Nachhilfeunterricht, an zusätzliche Kurse, die Bibliothek, Fortbildung für Lehrer. Er gibt mit seiner Geschichte Einblick in die Misere des amerikanischen Bildungssystems.

Gutes Storytelling schafft es, für ein vordergründig trockenes, abstraktes Thema – das US-Bildungssystem – Aufmerksamkeit zu wecken. Eine ungewöhnliche Geschichte ist Türöffner für einen Text, den ich sonst womöglich nicht gelesen hätte. Warum dies im zugrundeliegenden Beispiel besonders gelingt, möchte ich in ein paar Stichworten aufführen:

  • Die Dragqueen-Geschichte weckt Neugierde und wirft Fragen auf. Sie bildet eine Brücke zur Leserin, zum Leser: Würde ich dies auch für meinen Sohn oder meine Tochter tun?
  • Die Heldengeschichte ist gut gewählt: Die Verwandlung zur Dragqueen ist eng mit der finanziellen Not der Schule verbunden. Sie passt zur LGTB-Hochburg San Francisco. Was man nicht alles machen muss, um seiner Schule zu helfen, denkt man sich.
  • Dem Autor gelingt es, von der konkreten Gesichte zu den strukturellen Defiziten des amerikanischen Bildungssystems überzuleiten. Er verhaftet nicht in der Singularität seiner Situation.
  • Der Autor überstrapaziert die Heldenreise nicht. Die Misere wird nicht zur Folie für eine persönliche Entwicklungsgeschichte. Er hat dadurch, salopp ausgedrückt, nicht seine Berufung zum Tragen von Frauenkleidern gefunden.

Das Storytelling hat auch Schwachstellen:

  • Die Informationstiefe ist mässig und der Geschichte untergeordnet. Trotz der vielen Zahlen im Text ist das Ausmass der Misere im amerikanischen Schulsystem nicht systematisch erfasst.
  • Die Geschichte fördert Empathie, bringt uns also die Motive für die individuelle Handlung näher. Sie verhaftet aber stark im Jetzt. Historische und gesellschaftspolitische Zusammenhänge werden vernachlässigt.

Fazit: Gutes Storytelling kann ein Türöffner sein zu einem ansonsten spröden Thema. Wer einen authentischen Helden, eine authentische Heldin findet, baut damit eine Brücke zur Leserin, zum Leser.

So. Würden Sie jetzt etwas über den finanziellen Zustand des amerikanischen Bildungssytems lesen?

© Bret Kavanaugh / unsplash

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